Ich brauch heut gar nichts mehr, ich hab hier alles was ich brauch.

Es gibt nicht viele Dinge, die dich so bewegen, wie ein Live-Konzert oder ein Album-Release, wie die Gänsehaut, die aufkommt, wenn du die ersten Töne neuer Lieder hörst, wie das Adrenalin, das dir durch den Körper schießt, wenn es darum geht, einen Platz in der ersten Reihe zu ergattern. Das ist nur eine Auswahl an Gefühlen, die dich immer wieder dazu bringen, nach Luft zu schnappen, sich zu fragen, ob es wahr ist. 
Und dann kommt dieses Mädchen aus deiner Klasse an, erzählt dir, dass sie eine Freikarten für das Highfield-Festival hat. Du fragst sie, ob sie da überhaupt Bands kennt, weil das eigentlich nicht ihre Musik ist. Sie sagt, dass sie gar nicht weiß, wer da alles spielt. Du fängst innerlich an zu kochen und zählst ein paar Bands auf. Sie sagt, dass sie “KIZ ganz gut findet und von den Sportfreunden Stiller auch ein paar Lieder kennt”. Das reicht. Du bist wütend. Wendest dich ab. Lässt sie alleine stehen.
Wenn es eine Sache gibt, die dich rasend macht, dann die, wenn andere Menschen so leichtfertig mit Musik umgehen. Vor allem mit der Musik, die du über alles liebst. Du gehst auf Konzerte, weil du jede Zeile mitsingst und das Gefühl liebst, wenn dein Herz so sehr schlägt, dass du kaum noch atmen kannst. Wahrscheinlich werden das  nur wenige nachvollziehen können. Aber das ist dir recht, weil du diese Sache für dich ganz allein behalten willst. Du willst das alles nicht teilen, weil du Angst hast, andere verstehen das nicht. Dabei ist es für dich so viel mehr. 
Dir ist es schon oft passiert, dass jemand nicht verstanden hat, wie sehr du die Musik brauchst. Du stehst früh auf, machst dich fertig und noch während du die Wohnung läufst, hängen deine Kopfhörer um den Hals und dröhnen auf voller Lautstärke. Wenn du zur Schule gehst, hörst du Musik. In den Pausen hörst du Musik. Früher, als du noch diese kleinen In-Ears hattest, hast du sogar während des Unterrichts Musik gehört. Wenn die letzte Stunde vorbei ist, läuft die Musik schon, bevor du überhaupt den Klassenraum verlassen hast. Wenn du dann zu Hause bist, steigst du auf deine Anlage um. Besser & lauter.
Ebenso wütend macht es dich, wenn dir Leute begegnen, die “alles hören was gerade aktuell ist” und “keine spezielle Lieblingsband haben, aber von xyz 2 Lieder ganz gut finden”.  Du wirst es nie verstehen. Manchmal fragst du dich, wie es wäre, einen Tag lang mal keine Musik anzuhören, aber im nächsten Moment fängst du an zu Lachen. Das wird wohl nie passieren. 
Es sind noch genau 6 Tage, bis zu dem Tag, an dem du nicht eine Sekunde lang traurig sein wirst. 6 Tage dauert es, bis du einen Tag mal wieder wunschlos glücklich bist und du weißt jetzt schon, dass genau dieser Tag unendlich sein soll. Dann ist Mittwoch und wenn du früh aufstehst, wirst du keine 10 Minuten brauchen, um aufzustehen. Du wirst freundlich und gut gelaunt sein, du wirst sowohl auf dem Schulweg, als auch auf dem Heimweg das breiteste Grinsen im Gesicht tragen. Alles wird perfekt an diesem Tag, und keiner kann dir das nehmen. An diesem Abend wirst du mitten im Gedränge stehen und zittern. Ach was, du zitterst ja jetzt schon. Aber wenn es so weit ist, wird alles in Zeitlupe laufen und du wirst dir die Zeit nehmen, dich zu fragen, ob das alles gerade wirklich passiert. Und wenn die ersten Töne erklingen wird dein Körper von einer Gänsehaut überzogen sein und genau dann wirst du wissen, dass von jetzt an alles gut wird. Dann bist du nicht mehr allein. 

Endlich geht es wieder bergab.

Richtig. Bergab. Mit 200km/h und kaputten Bremsen. Es wäre alles so einfach, wenn es keiner merken würde. Aber es passiert. Lehrer fragen dich, was los ist, Mitschüler sind noch distanzierter als sonst, weil du nachts kaum noch schläfst und Augenringe hast, die selbst ein Blinder aus 100m Entfernung sehen würde. Gestern wurdest du aus der Turnhalle geschmissen, weil du dich wieder mal geweigert hast, Judo mit zu machen. Eine Stunde heulend in der Umkleide sitzen ist verblüffender Weise nicht so angenehm, wie es klingt. Es ist schlimmer. Es war wie eine Welle. Erst der eine Gedanke, dann kam auch schon der nächste und noch einer und dann war es auch schon passiert. Du lagst unter einem Haufen aus Sorgen, Problemen, Depressionen und Zweifeln und hattest keine Ahnung mehr, woran du zu erst denken solltest. Theoretisch solltest du dich im Sekretariat melden. In der Praxis hast du einfach deine Sachen gepackt und bist ohne zu Zögern nach Hause gelaufen. Unterwegs war da der ein oder andere Passant, der sich gefragt hat, warum das Mädchen mit verwischter Schminke und roten Augen durch die Straßen taumelt, aber reagiert hat keiner. Und selbst wenn- du hättest die Hilfe nicht angenommen.
Weiter gehen. Loslos. Nicht stehen bleiben, weil die Gefahr besteht, dass du auf der Stelle umklappst. GehenGehenGehenLuftholenGehenGehenGehen. 
Zu Hause dann Mama angerufen. Gewartet. Auf dem Fußboden gelegen. Geweint. Alles so viel. Alles auf einmal. Augen kurz geschlossen, vergessen, aufgemacht - alles noch da. Scheiße. Und du wartest…
Wie erwartet bestand die erste Sorge nicht darin, dass du völlig verwirrt und schluchzend auf deinem Bett lagst, nein. “Du kannst doch nicht einfach aus der Schule abhauen!” Natürlich kannst du. Sonst würdest du nicht hier sitzen. Ihr habt geredet, so viel geredet. Du hast ihr alles erzählt. Vieles, was sie verstanden hat, vieles was für sie unverständlich war. Und doch war alles etwas einfacher danach. Du hast deinen besten Freund angerufen, er hat zugehört, den Unterricht für dich  verpasst. Du konntest dann sogar wieder mal richtig atmen. Ganz ruhig, ohne hilfloses Schluchzen. Der Tag war anstrengend. Schlaf fehlt. Die Augen brennen. Ab ins Bett. 

Ein tiefschwarzer Elefant mit Spikes an den Füßen tanzt Pogo in deinem Kopf und singt Micky Krause und du schlägst die Augen auf und fragst dich, was die Scheiße jetzt schon wieder soll. Der Wecker. Er spielt zwar kein Micky Krause, sondern Mumford & Sons, aber die erste Zeile lässt dich direkt wieder seufzend ins Kissen zurück sinken. I can’t promise you that I won’t let you down.  Na gut, denkst du, und stehst trotzdem auf. Dann machst du sie eben allein fertig. Du bist noch keine 5 Minuten auf den Beinen und siehst schon wieder Sternchen, hast Bauchschmerzen und ein Gefühl im Magen, als müsstest du gleich alle von der Welt verhassten Dinge auf einmal auskotzen. Du hast Angst. Sie werden über dich reden. Über das Mädchen, das gestern ohne ein Wort verschwunden ist. Das Mädchen, das in jeder Pause mit Buch uns Kopfhörern an ihrem Tisch sitzt und sich nur selten mit jemandem unterhält. Das Mädchen, das manchmal lächelt, wenn es auf ihr Handy sieht, weil da Dinge stehen, die das alles erträglich machen. Das Mädchen, dass nie die Chance für irgendetwas bekommen hat, weil es die mit großer Sicherheit nicht einmal verdient hat. Über genau dieses Mädchen reden sie. Seit dem ersten Tag. 
Als du das Klassenzimmer betrittst, klingelt es gerade zur Stunde. Dein Klassenlehrer sagt nichts, als du mit ein ‘Morgen’ vor dich hin murmelt. Er ist immer noch wütend auf dich. Die ganzen zwei Stunden über wendest du nicht einen Blick zur Seite, damit keiner deiner Klassenkameraden dein Gesicht sehen muss Du siehst furchtbar aus. Die letzten Wochen haben dich sowohl innerlich als auch äußerlich ziemlich zerstört.  Du willst nicht, dass das noch irgendjemand sonst sieht. Bist ja so oder so schon das Gesprächsthema. 
Du schließt für einen Bruchteil der Sekunde die Augen und atmest einmal tief ein und wieder aus, als dein Lehrer dich gegen Stundenende auffordert, noch da zu bleiben. Keine tiefgründigen Gespräche jetzt, schon gar nicht mit dir, denkst du und nickst nur leicht. 10 Minuten später ist es auch schon da, das vorwurfsvolle und anklagende Gespräch. Was mit dir los sei, ob du Probleme hättest. Andere Lehrer würden sich schon beschweren, du wärst unkonzentriert, verhälst dich merkwürdig und wirkst immer abwesend. Pass mal auf, du Arsch. Ich kann seit Wochen nicht vor 12 einschlafen, weil ich mir bis dahin meistens die Augen aus dem Kopf heule. Ich habe jeden Tag tierische Angst davor, dass mich irgendwann mal ein Anruf erreicht, dass mit einem meiner besten Freunde etwas passiert ist. Ich kann nicht helfen, weil diese zwei wichtigsten Menschen für mich am anderen Ende der Welt sitzen. Aus diesen Gründen bin ich tagsüber immer müde und unaufmerksam und schaffe es nicht, dabei auch noch zu lächeln und toll auszusehen. Ich hasse es, jeden Tag hier her zu kommen und Gesichter wie Ihres sehen zu müssen und dabei noch nett zu sein, darum bin ich lieber ein Arsch und alle lassen mich in Ruhe. Ich würde meinen Mitschülern gerne mal ‘nen Vortrag halten über das Gefühl, nie irgendwo anzukommen, ständig in irgendeiner Weise depressiv zu sein und sich weder selbst noch von anderen helfen lassen zu können, wäre da was möglich? Ach und dann kommt ja noch der Punkt dazu, dass jeder verfluchte Mensch dieser Erde glaubt, ich könnte Zaubern und hab breite Schultern, auf denen ich alle Lasten und Verantwortungen übernehmen könnte, weil ich das ja voll gerne mache, so richtig viel Verantwortung aufladen und dann gegen einen Baum fahren, ja genau. Das sind alles Gründe, für die ich mir selbst die Schuld gebe. Aber wenn Sie das gerne möchten, dann änder ich das alles natürlich sofort und werde jeden Morgen 3 Stunden eher aufstehen, um irgendwo meine Aggressionen gegen alles abzulassen und mich anschließend zu stylen, damit alles perfekt ist. Wenn es natürlich möglich wäre und sie mir ein Stück entgegen kommen könnten, würde ich es furchtbar nett finden, wenn sie mich mit Ihrer Lehrer-Pseudo-Psycho-Scheiße in Ruhe lassen würden, weil ich so rein gar nicht daran interessiert bin, meine Probleme mit Ihnen zu teilen. Okay? Gut. 
Das hättest du gesagt, wenn nicht die Gefahr bestünde, dass er dir dann erst recht  auf die Nerven geht. Also starrst du weiter auf den Boden, nickst, machst ‘Hm wird schon wieder’, drehst dich um und gehst. 

Doch was dir fehlte ist unterm Strich nur ein lachendes Gesicht auf der anderen Seite dieses Spiegels.

Fröstelnd sitzt du auf deinem Platz im Klassenzimmer und starrst gedankenverloren ins Nichts. Du zitterst. Das Fenster ist offen und die kalte Frühlingsluft wirbelt durch den Raum und bringt das Grau von draußen mit rein. Wie schön wäre es, wenn jetzt jemand da wäre, das sich neben dich setzt, lächelt, einen Arm um dich legt und einfach nichts sagt. Wie schön wäre es, wenn dich dieser Jemand alle Sorgen vergessen lassen würde. Wie schön wäre es, wenn jetzt jemand rein kommen würde und ihr beide wüsstest sofort, dass ihr euch in 10 Jahren noch kennen werdet. Soviel Kitsch, denkst du und schüttelst den Kopf, als ob du dich selbst ermahnen würdest. Muss doof aussehen. Es interessiert dich nicht. Und doch…Die Einsamkeit überrollt momentan wieder alles, sie hat nicht mal angeklopft, nein, sie kam einfach rein, hat alles zertreten und zerschlagen, die Wohnung leer geräumt und dich angeschrien: “NA WIE FÜHLT SICH DAS AN, HM? JETZT KOMM MAL KLAR DAMIT, HAST JA EH NIEMANDEN DER DIR BEISTEHT!” Dann hat sie hämisch gelacht und ist wieder gegangen. Sie ist gegangen, aber das was sie da gelassen hat ist viel schlimmer als ihre Anwesenheit. Jetzt musst du mühsam alles wieder aufbauen. Dein Selbstbewusstsein bestand nur aus zartem Porzellan, das ist jetzt kaputt, musst du neues kaufen, ist aber teuer, musst du’s also erstmal ‘ne Weile ohne Selbstbewusstsein aushalten. Du sammelst also die Bruchstücke deiner Seele auf, aber mit Einzelteilen lässt sich nichts mehr anfangen. Neustart. Reset. Löschen und spul’ zurück. Alles muss raus, alles muss weg. 
In den letzten Nächten lagst du oft wach, tagsüber warst du in Gedanken immer abwesend. Du hattest immer diese unwirklichen Szenen in deinem Kopf. Jemand, der dir eine deiner roten Strähnen aus dem Gesicht streicht. Jemand, der lächelt, sobald er dich sieht und in die Arme schließt, nichts sagt. Jemand, der nachts mit dir auf einer Parkbank sitzt und Wein trinkt. Jemand, der nie nachfragt, wenn du grade deine Ruhe brauchst. Jemand, den es nur in deinem Kopf gibt. Das zermürbt dich. Du willst ja nur mal wieder in den Arm genommen werden, mal wieder jemandem in die Augen sehen, einen Kuss auf die Stirn bekommen und einfach einschlafen. Nicht mehr. Du weißt nicht, was es ist, aber irgendetwas in deinem Leben weigert sich dagegen, zu lieben. Wahrscheinlich liegt das daran, dass dein Kopf sich bisher auch immer geweigert hat. Aber jetzt ist dein Herz mal dran, bisher litt es immer unter deiner Kälte, deiner Distanz, deiner Abweisung. Du bist jetzt bereit, deinem Herzen wieder mal tanzen zu lassen. Du bist bereit, der Rest der Welt ist es nicht. Die Frage nach dem warum kreist unentwegt in deinem Kopf, du ziehst einfach die Decke drüber und hoffst, dass du bald einschläfst. Morgen ist ja immer hin noch genug Zeit um daran zu zerbrechen.

Dieser Eintrag ist privat. Wenn du tatsächlich interessiert sein solltest, schreib mir und ich entscheide, ob du’s lesen darfst. Peace out. 

Aber Depression scheint niemals aus der Mode zu geh’n…

Unentwegt sind da diese Gedanken in deinem Kopf. Gedanken, die dir sagen: ‘Es könnte alles so schnell vorbei sein. Du musst es nur wollen.’ Momentan wäre dir nichts lieber, als das es ganz schnell vorbei ist, dieses ‘Alles’. Es könnte dir gar nicht schnell genug gehen. Würde der Typ mit dem schwarzen Umhang und der Sense in der Hand jetzt vorbeispazieren, du würdest dich bei ihm einhaken, ihr würdet vielleicht noch ein Eis essen und irgendwo Enten füttern gehen und dann wär’s auch schon soweit. Du bist erschrocken über dich selbst, als du das denkst. An welchem Punkt in deinem Leben haben sich die Hoffnung und der Lebenswille von dir verabschiedet? Du weißt es nicht. Dein ganzes Dasein bewegt sich so furchtbar schnell, und du kannst nicht aussteigen, deswegen kotzt du dir permanent den engen Fußraum vor dir voll und das Fenster klemmt auch und…du bist ein Trümmerhaufen. Ein Haufen, bestehend aus Abfall, Hundescheiße und Atommüll. So irgendwie fühlst du dich. 
Aber dann, so ganz unverhofft, wenn du innerlich schon alles mit dir abgeklärt hast, dann kommt dein kleiner Bruder ins Zimmer, strahlt dich an und plötzlich hast du alles, was dir vor 2 Minuten noch durch den Kopf ging, vergessen. Einfach so. Und als wüssten sie es, als könnten sie deine Gedanken lesen, sind da immer diese Nachrichten, von den Menschen, die du liebst, auch wenn du sie nur selten siehst. Sie sind da und es überrascht dich immer wieder, wie viel Einfluss ein Mensch auf dich haben kann, obwohl er hunderte von Kilometern entfernt ist. Und wenn du dann liest, dass es tatsächlich Existenzen auf dieser Erde gibt, für die eine ganze Welt zusammenstürzen würde, wenn du von heute auf morgen nicht mehr da wärst, dann ist da eine Mischung aus Wut auf dich selbst, Überraschung und Unschlüssigkeit in dir. Denn trotz dass diese Menschen da sind, ist da dieser eine unaufhörliche Wunsch. Urplötzlich hast du ‘Kontrolle/Schlaf’ von Casper im Kopf und damit ist eigentlich alles gesagt. Will los in das scheiß Licht, wofür zahl’ ich die Leihgebühr? Würd’s selber tun, doch bin da zu feige für. Dieses Lied. Wie viele Nächte es dir schon geraubt hat, wie viele Tränen du deswegen schon vergossen hast, wie oft du deswegen völlig zerstört im Dunkeln auf dem Boden lagst und nicht mehr konntest und wolltest. Es macht dich fertig, aber du liebst es. Du versuchst dir vorzustellen, wie es wäre, mal sorgenlos zu sein. Du schaffst es nicht. Auf eine ganz verrückte und kranke Art und Weise glaubst du sogar, dass du es vermissen würdest, diese ganze Depression wegen nichts. Es ist ja schließlich das einzige, das in deinem Leben noch eine Thematik darstellt, du hast ja sonst nichts mehr. Schon etwas absurd. Alle wollen glücklich werden, nur du irgendwie nicht. Du spielst zwar mit, schwimmst mit dem Strom, aber du hast dich daran gewöhnt, psychisch und nervlich kaputt zu sein, warum sollte es also nicht so bleiben? Insgeheim weißt du ja, dass du nie so ganz glücklich wirst, warum also etwas nacheifern, das du eh nie erreichen kannst? Unnötige Belastung, unnötiger Druck. Du hast ja nun wirklich genug davon. Traurig, dass dir das gefällt.

1 Anmerkung

I believe I’ve waited long enough…

Etwas verloren und fast schon bemitleidenswert sitzt du vor deinem Fenster und starrst raus. Beobachtest vorbeigehende Menschen, lieferst dir mehrere Wettstarren mit der Sonne - du verlierst immer. Eigentlich eine Schande, dass draußen ein herrliches Wetter ist und du hier drin sitzt und dich beschwerst, dass nichts passiert. Wie auch? Was soll den passieren, wenn du immer nur in deinem Zimmer hockst und die Wand anstarrst? Besser wird davon nichts. Und darum beschließt du kurz vor halb 6 nochmal rauszugehen. Wohin weißt du noch nicht, du läufst einfach, mal sehen wo du ankommst.
10 Minuten später. Du schließt die Haustür hinter dir und spürst sofort einen Windhauch im Gesicht, der zwar kalt, aber dennoch irgendwie vielversprechend ist.  Wohin du gehen willst, weißt du immer noch nicht, hast aber schon eine ungefähre Strecke in Gedanken. Im Losgehen fischst du deinen Mp3-Player aus der Hosentasche und gehst die Ordner durch. Und da ist es auch schon, das perfekte Lied zum Nirgendwohin-laufen. ‘Walk’ von den Foo Fighters. Optionen. Wiedergabemodus. Diesen Titel wiederholen. Play. Let’s go. Schon bei den ersten Tönen überkommt dich eine unfassbare Gänsehaut. 
“A million miles away 
Your signal in the distance
To whom it may concern?
I think I lost my way
Getting good at starting over
Every time that I return”
Du bist auch gut darin, neu anzufangen. Zumindest glaubst du das, denn bisher hat sich dir nie die Möglichkeit geboten, irgendwo irgendwas neu zu beginnen. Was du aber weißt, ist dass du deinen Weg verloren hast. Mehrmals. Fast täglich. Das äußert sich darin, dass deine Stimmung innerhalb eines Tages von ‘mega selbstbewusst’ über ‘unendlich schwach’ bis hin zu ‘völlig hillos und zerschmettert’ wechselt. Du verlernst es Stück für Stück, die Balance zu halten. Es wird mit jedem Tag schwerer, allem Stand zu halten, was dich kaputt machen will. Und meine Güte, das sind viele Dinge. Du denkst an deine Eltern, die dich nie so ganz akzeptieren wie du bist, an deine Mitschüler, die dir mit ihrer grenzenlosen Dummheit so ziemlich jede Hoffnung auf irgendwas nehmen und an dein Gehirn, dass es mittlerweile als Mission ansieht, dich nachts mit seinen ätzenden Ideen, Gedanken, Plänen und Wünschen vom Schlafen abzuhalten und dich zu terrorisieren. Zu zweiterem deiner Liste ‘Dinge-die-mich-wahnsinnig-kaputt-und-wahnsinnig-und-kaputt-machen’ fällt dir ein Ausschnitt aus einem Buch von Nagel ein: “Ich dagegen kann mit Dummheit nicht gut umgehen. Sie macht mich aggressiv. Manchmal gelingt es auch mir, mich über solche Personen lustig zu machen, sie auszulachen und mich an ihrer Stumpfheit zu ergötzen; meistens aber möchte ich nur flüchten oder ihnen aufs Maul hauen.” Du magst, dass er das genauso sieht wie du. Besser hättest du es nicht formulieren können. Im Prinzip sagt dieser Abschnitt mehr oder dich aus, als dir lieb ist, aber selbst das findest du jetzt völlig in Ordnung.
Du bist jetzt schon ein kleines Stück gelaufen und befindest dich plötzlich an einem Ort, wo du vorher noch nie warst. Und es ist herrlich. Dave Grohl sitzt immer noch in deinem Ohr und erzählt dir, dass er wieder gelernt hat, zu laufen und dass er jetzt lange genug gewartet hat. Du glaubst ihm. Vor dir erstreckt sich ein weites Feld, dass leicht bergauf und nach ein paar 100 Metern wieder abwärts geht. Die Sonne steht schon ziemlich tief, wird mittlerweile jedoch eh von ein paar fiesen Wolken verdeckt. Du bleibst für einen kurzen Moment stehen und ertappst dich dabei, wie du einfach nur da stehst und lächelst, ganz leise, ganz stumm, ganz für dich allein. In dir breitet sich gerade ein Gefühl aus, dass du auf diese Weise noch nie erlebt hast. Du kannst nicht einmal beschreiben, was es ist. Glück, Euphorie, Freude, Freiheit oder einfach nur das Gefühl von irgendwoangekommensein. Langsam setzt du dich in Bewegung, das Lächeln auf deinen Lippen jedoch bleibt und irgendwie findest du das für den Augenblick hier gar nicht so verkehrt, sieht bestimmt gut aus. Du gehst also quer über die Wiese bis diese in ein gepflügtes Feld übergeht. Auf der anderen Seite des Feldes steht ein einzelnes Haus; sicher die Besitzer, denkst du und darum gehst du erst ein Stück am Rand abwärts entlang bis du das Haus nicht mehr siehst und latscht dann einfach quer über den Acker. Die Erde ist weich und es dauert nur wenige Sekunden, bis deine weinroten Chucks die dunkelbraune Farbe angenommen haben. Du lächelst. Am Fuß des Feldes beginnt ein kleiner Wald, du steuerst auf ihn zu und entdeckst einen kleinen Weg, dem du auch direkt folgst. Vor und hinter dir fliegen ab und an kleine Vögel vorbei und du musst immer mehr lächeln, weil alles grade schon so schrecklich kitschig ist, dass du dich selbst etwas auslachst. Mit einem Mal endet der Waldweg und du stehst plötzlich wieder an großen weiten Wiesen, die alle steil abwärts gehen und von vereinzelten Baumreihen abgegrenzt werden. Von hier aus siehst du die Stadt. Es ist der pure Wahnsinn. Im Tal erheben sich Schloss und Kirche in einem lilablauen Licht der langsam untergehenden Sonne. Jetzt gibt es für dich kein Halten mehr. Du rennst ein Stück los und lässt dich mittendrin einfach fallen. Über dir der Himmel, der jetzt nur noch blassblau schimmert. Du schließt die Augen und wartest. Und das Lied läuft noch einmal. Und nochmal. Und nochmal. Und nochmal und du liegst einfach nur da und hörst dir an, was Dave dir zu sagen hat und dabei ist völlig egal, wie oft du dieselben Worte jetzt schon gehört hast, die Wirkung bleibt immer gleich und wird mit jedem mal hören sogar noch ein Stück intensiv. Er singt jetzt: “I’m dancing on my grave and running through the fire. Forever, whatever! I never wanna die! I never wanna leave! I’ll never say goodbye! Forever! Whatever!” und es sind die ehrlichsten Zeilen, die du heute hörst und die du vor allem mit jeder Faser deiner Seele spürst. Langsam setzt du dich auf und atmest einmal tief ein. Dann stehst du auf und suchst nach einem Weg in die Stadt. Du beschließt, einfach mal ins Tal abwärts zu laufen, kannst jedoch überall nur Zäune ausmachen. Zwischen dir und der Stadt müssten eigentlich die Bahnschienen liegen, also läufst du solang entlang der Zäune, bis die einzige Begrenzung der steile Abhang ist, also gehst du weiter und findest tatsächlich einen weniger steilen Abhang, der sich auch direkt an der Zughaltestelle befindet. Schritt für Schritt gehst du seitwärts den Hang hinab und hälst dich dabei an allen möglichen Bäumen, Sträuchen und Ästen fest, die du finden kannst. Ganz plötzlich merkst du jedoch, wie unter dem Laub große Felsbrocken herausragen und wie du langsam den Halt verlierst. Nach unzähligen Hangen-bleib- und Rutsch-Aktionen bist du unten angekommen und kämpfst dich jetzt durch knöchelhohes Gestrüpp, bei dem es sich dummerweise auch um Dornen handelt. Dein schwarzer Jutebeutel mit Casper-Motiv leidet sehr, genauso wie deine Schuhe. Als du auch dieses Hindernis erfolgreich überbrückt hast, stehst du am Bahngleis und atmest einmal tief durch. Du kommst dir dabei vor wie ein Teenagern aus diesen Filmen, bei denen sie sich tagelang durch die Wildnis kämpfen müssen und dabei trotz Dreck und Schweiß verdammt gut aussehen. Du lachst einmal leise auf und drehst dich wieder zu den Schienen. Von hier aus sind es nur noch 10 Minuten bis nach Hause. Als du die Straße erreichst, bist du plötzlich wieder mitten im Geschehen, mitten im Alltag. Aber du lächelst.



And survival never goes out of style.

2 Minuten vor Unterrichtsbeginn. Zumindest laut deiner Uhr. Doch spätestens, als du dem Raum betrittst, stellst du fest: Deine Uhr lügt. Du ziehst die Tür auf, steckst erst vorsichtig den Kopf rein und willst so unauffällig wie möglich zu deinem Platz, doch zu spät. Den folgenden Moment hasst du, noch mehr als du die Menschen hast, die daran beteiligt sind: Mit einer ruckartigen Bewegung drehen sich alle Köpfe zur Tür und tausende von Blicken mustern dich. Kritische, abwertende, gelangweilte (Die magst du am liebsten, denn sie drehen sich auch sofort wieder weg.), entsetzte, verschlafene. An und für sich lässt sich sagen, dass das Blick-Repertoire sehr umfassend ist, für diese Uhrzeit. Erleichtert stellst du fest, dass der Lehrer gerade im Vorbereitungsraum nebenan ist - ihr habt Chemie. Du lässt also den Moment über dich ergehen, gehst betont gelassen zu deinem Platz und packst in aller Ruhe deine Hefte aus. Aus einer der Reihen hinter dir, hörst du ein leises “Oh Gott”, aber dennoch so laut, sodass es dir vorkommt, als hätten es auch alle Schüler in den umliegenden Räumen gehört. Betretenes Schweigen. Du weißt, was sie meint. Deine Haare. Sie sind anders als sonst. Sie sind feuerrot, fast schon orange. Du liebst es. Aus einem Anflug von Spontanität und dem Drang nach Veränderung hat deine beste Freundin sie dir um 11 Uhr Abends gefärbt. Es war ein herrliches Spektakel, wie sie die grüne Pampe auf deinem Kopf (und auf den Badfliesen) verteilte. Um 1 Uhr nachts war es dann vollbracht und das Ergebnis hat euch sehr begeistert. Du magst es, wenn ihr die verrücktesten Dinge für total brillant und noch dazu für absolut normal und gewöhnlich haltet.
Und jetzt sitzt du hier, spürst, wie alle gucken und kannst dir ein Grinsen nicht verkneifen. Du ignorierst das Mädchen samt ihrer Bemerkung, setzt dich gerade hin und lächelst triumphierend in dich hinein.
Den ganzen Tag lang lässt du kleine Kommentare über dich ergehen, auch wenn sie nicht direkt an dich gerichtet sind. Du weißt, dass du gemeint bist. Das gute an der Sache ist: Es ist dir egal. Denn du weißt, dass du dir nicht wegen ein paar Vollidioten deine Haare anders färben wirst, und dass du jetzt nicht damit anfangen wirst, dich in die Klasse zu integrieren. Alles bleibt, wie’s war und du musst dir eingestehen, dass du durchaus schon schlechtere Zeiten hattest, also nimmst du die Idiotie der anderen hin und summst leise die Melodie von “Die Guten” von muff potter. Du fühlst dich gut. Vielleicht bist du es sogar. Und während du so summst und in Gedanken mitsingst, fragst du dich, wie es wohl wäre, wenn Nagel deine Texte lesen würde. Wie wäre es, wenn er, dein Idol schlechthin, in den Buchladen geht, weil du gerade einen neuen Bestseller raus gebracht hast, der irgendeinen abgefuckten Namen trägt und nur so vor Selbstzerstörung trotzt? Ganz plötzlich stellst du dir vor, er liest deine Texte und bei dem Gedanken daran bekommst du eine Gänsehaut. Du schließt die Augen, liegst auf einmal in deinem Bett und hörst deinen gedanklichen Abfall. Gelesen von Nagel. Zum Einschlafen. Wie romantisch, und irgendwie traurig. Aber immerhin ist die Stimme gut und dein Untergang klingt nur noch halb so zerschmetternd. Let’s pretend happy end.

1 Anmerkung

Nimm deine Schuhe mit, wenn du gehst, und deine Zweifel auch.

“Ich geh noch mal kurz ‘ne Runde raus.” Du ignorierst die verwirrten und neugierig fragenden Blicke der anwesenden Gäste, von denen du die meisten nicht wirklich kennst, aber laut deinen Eltern mit ein paar Leuten eben jener Hälfte verwandt zu sein scheinst. Es ist der Geburtstag deiner Oma. Du hasst Familienfeiern. Weil einerseits immer etwas vorgespielt wird, was sonst nie dem Normalzustand entspricht, andererseits zeigen sich alle so, wie sie sich sonst auch verhalten: pöbeln, motzen, meckern, kritisieren, nörgeln und schreien. Du stopfst deinen MP3-Player in die linke Hosentasche, setzt deine Kopfhörer auf und schlüpfst in deinen Mantel, wickelt den Schal um. Raus jetzt, aber schnell, sonst platzt dein Kopf. Nachdem du die Tür hinter dir geschlossen hast, bleibst du kurz stehen, schließt die Augen und atmest tief ein. Du greifst nach deinem MP3-Player, fischst ihn aus der Hosentasche und augenblicklich schießen dir Tränen in die Augen, als das Lied weiter läuft, das als Letztes lief. Im Taxi weinen. Von kettcar. Einerseits weinst du, weil du sofort an Donnerstag denken musst, als du ein Konzert eben jener Band besucht hattest und der Sänger dieses Lied allen widmete, die für das Konzert mehr als 50km gefahren sind- du also auch. Andererseits keimt in die urplötzlich eine unfassbare Trauer um etwas auf, dass eigentlich noch da ist, nur etwas zerkratzt und angeschlagen. Weil wir bleiben, wie wir waren. Feuerfrei und weiteratmen. Du läufst los, bis du zu einer Bank kommst, lässt dich fallen und legst die Arme auf die Knie, den Kopf auf die Arme. Du willst doch gar nicht heulen. Aber die Angst um den Verlust ist so groß. Dabei gibt es nicht mal irgendetwas zu verlieren. Du hast ja schließlich auch nichts. Dein Umfeld, sprich zu 80% deine Mitschüler, kannst du nicht leiden, du führst keine Beziehung zu irgendetwas, sei es ein fester Freund oder sonst irgend ein Lebewesen, du bist das schwarze Schaf in deiner Famile. Was sollte es da also zu verlieren geben? Ach ja, richtig, Freundschaft. Eine Sache, die du in letzter Zeit viel zu sehr vernachlässigt hast. Und jetzt sitzt du hier, heulend im Licht einer Parklampe, die oranges Licht auf dich wirft, mit Musik auf den Ohren, die dir mit jeder Zeile Salz in die offene Wunde streut. Du schluchzt leise vor dich hin und siehst zum Himmel. ’Der Mond von einem Wolkenhügel, sah kläglich aus dem Duft hervor. Die Winde schwangen leise Flügel, umsausten schauerlich mein Ohr.’ Ganz plötzlich denkst du an diese Zeilen von Goethe und bist dir sehr sicher, dass solche Werke für Menschen wie dich geschrieben wurden. Für Menschen, die alles um sich herum analysieren, einfach weil sie verstehen wollen, warum dieses und jenes passiert.

Du stehst auf und gehst weiter. Wobei von ‘gehen’ keine Rede mehr sein kann. Eher ein benommenes Taumeln, das dem Gang eines Betrunkenen ähnelt. Also taumelst du los, bergab, und du weißt genau wo du hin willst. Nach wenigen Minuten bist du da. Im Schatten am Wegrand steht eine leere Bank. Das Licht reicht nicht bis hier her und irgendwie bist du fast etwas dankbar dafür, denn so wirst du nicht sofort entdeckt falls mögliche Spaziergänger vorbeikommen. Im Reitersitz sitzt du da und kramst deinen MP3-Player aus der Tasche und suchst nach einem Lied, dass gerade passt. Du wirst fündig. Gänsehaut breitet sich aus, als auch nur die ersten Töne erklingen. ‘Dreh dich nicht um’ von Gisbert zu Knyphausen. Wiedermal er. Wiedermal allein. Wiedermal nachts. Alles wie immer. Noch vor der ersten Strophe rollen dir dicke, heiße Tränen über die Wange, weil du soviel mit diesem Lied verbindest. Verdammtes Deja-vu. Aber jetzt geht es nicht mehr um Vergangenes. Es geht um das, was jetzt passiert. Warum du jetzt ausgerechnet auf dieser Bank sitzt, hat seinen Grund. Es erinnert dich an dieses ‘früher’ von dem immer alle reden. Und was bleibt ist die Erinnerung an eine Zeit die so viel schöner war als jetzt. Hey, bitte nimm sie uns nicht krumm, singt Gisbert jetzt und du denkst: Warum hast du nur immer so verdammt recht? Aber er singt schon weiter: Nimm die Erinnerung mit dir, wenn du gehst, sonst bleibt sie stumm. Und du denkst: Okay, aber auf deine Verantwortung. Nimm die Erinnerung mit dir wenn du gehst und dreh dich nicht um, sagt er dann nur noch und du nimmst den Rat schweigend an und die Erinnerung mit dir. Du drehst dich nicht um.
Plötzlich zuckst du zusammen. Da vorne auf dem beleuchteten Weg, der steil bergauf geht, steht jemand. Er bewegt sich nicht, steht nur da und du kannst nicht ausmachen, ob er zu dir sieht, oder ob er dich überhaupt sieht. Augenblicklich hälst du die Luft an und unterdrückst die leisen Schluchzer, die nun schon seit 10 Minuten die Kontrolle über dich haben. Du erkennst den Mann, es ist ein Obdachloser, der den ganzen Tag durch die Stadt streunt und immer Bier dabei hat. Vorsichtig greifst du nach deinem Handy und steckst es ein. Auf eine ganz komische Art und Weise wird dir plötzlich ganz mulmig. In Gedanken legst du dir einen Fluchtweg zurecht, was eigentlich ziemlich banal ist, da er bergauf eh nicht mit dir mithalten könnte. Aus dem Augenwinkel siehst du, dass er sich wieder in Bewegung gesetzt hat, ein paar Schritte geht, um sofort wieder stehen zu bleiben. Dieses Spiel geht ein paar Minuten, bis er an dir vorbei läuft und du einmal tief ein und wieder ausatmest. Du wartest noch eine Weile, dann stehst du auf und gehst weiter. In deinem Ohr sitzt nach wie vor Gisbert und erzählt dir, dass dir dein Lächeln sehr steht und du es immer bei dir tragen sollst. Mach ich, denkst du und ziehst deinen Schal fester um deinen Hals. Plötzlich klingelt dein Handy. Vati ruft an. “Ja?” - “Kommst du zurück, wir wollen mit dem Programm anfangen.” - “Ja.” Du legst auf. Seufzend schiebst du dein Handy zurück in deine Tasche und schlägst den Heimweg ein. Als du ein paar Minuten später an der ersten Bank vorbei läufst, sitzt da der Obdachlose, schaut zum Mund und trinkt sein Bier. Du hast jetzt keine Angst mehr, du weißt, dass er einfach nur hier sitzen will und darauf wartet, dass alles vorbei geht. Viel Glück heut Nacht und viel Glück demnächst, wenn du weitermachst oder untergehst.
Zurück auf der Feier fragt dich keiner, wo du gewesen bist. Du füllst dein Glas mit Bowle und setzt dein schönstes Lächeln auf. Das schönste, aber auch das unechteste. Alle glauben es dir.

I picture you in the sun, wondering what went wrong…

Zugegeben, manchmal fehlt er dir. Manchmal fehlt dir dein bester Freund, der irgendwann dein fester Freund wurde und jetzt ein riesiges Arschloch ist. Verrückt. Es ist kurz nach 12 und du sitzt auf deinem Bett und liest euren alten Chat-Verlauf durch. Nicht nur einmal schossen dir Tränen in die Augen und du musstest ein laute Schluchzen unterdrücken. Ihr wart unzertrennlich. Du vermisst es, nachts betrunken mit ihm im Park auf einer Bank rumzuliegen und über den Mond zu diskutieren. Du vermisst es, schweigend mit ihm am Aufzug zu sitzen und einfach nur das Treiben der Stadt zu beobachten. Du vermisst es, abends spontan mit ihm ein Eis essen zu gehen nd stundenlang durch die Straßen zu laufen. All das fehlt dir, aber all das sind Dinge, die du mit deinem besten Freund erlebt hast. Und nur den vermisst du. Alles, was danach kam, bereust du zwar nicht, aber du möchtest es auch nicht unbedingt noch einmal erleben. Und jetzt, gut 1 Monat nach all dem Trubel zwischen euch, sitzt du auf deinem Bett und weinst. Das letzte Mal, als du um ihn geweint hast, ist schon lange her. Nach der 1. Trennung. Zusammengekrümmt auf dem Boden liegend, tränenüberströmtes Gesicht, laute und tragische Musik. Auch da hast du den Menschen vermisst, den du mal als den wichtigsten in deinem Leben bezeichnet hast, deinen besten Freund. Und mit einem leichten Anflug von Bedauern stellst du fest, dass du diesen Menschen noch NIE als Partner eurer Beziehung vermisst hast. Und irgendwie zeigt dir dieser Gedanke ganz plötzlich, dass du alles richtig gemacht hat. Irgendwie beruhigt es dich sogar. Ganz plötzlich wird dir klar, dass du ihn nicht mehr brauchst. Du bist fertig mit ihm. Alles war schön und nichts tat weh.

2 Anmerkungen

…und mit Glueck bleibt nur eine Narbe zurueck.

Wie eingefroren starrst du auf deinen Desktop. Stimmt sogar, denn du frierst und zitterst. Letzteres hat noch mehr Gründe außer der Kälte. Du kannst nicht begreifen, was da steht. Alles geht zu schnell. Wieder füllen sich deine Augen mit Tränen, die Zeilen verschwimmen, alles wird unklar. Was da gerade passiert, verstehst du selbst noch nicht so wirklich, aber es fühlt sich viel zu echt an. Und es tut weh. So unendlich weh.
Was um alles in der Welt ist passiert, dass du für ihn plötzlich nur eine von vielen bist, die es nicht verdient, besser behandelt zu werden. Er könne keine Ausnahmen mehr machen, sagt er. Er wusste ja nicht, wieviel dir an ihm liegt. Das war dann der Moment, in dem dir alles, was zwischen euch gesagt wurde, als eine einzige große Lüge erschien, denn man kann nicht einfach so von heute auf morgen alles abstellen, was man fühlt, auch bei einer Freundschaft nicht. Entweder ist man wirklich ein verdammter Eisklotz ohne Gefühle und beherrscht das Distanzieren perfekt, oder alles was davor war, war schlichtweg gelogen. Alles andere funktioniert nicht.
Jetzt sitzt du also da und starrst immer noch ungläubig auf die Zeilen, die dir das Herz brechen würden, sofern du eines hättest. Hast du aber nicht, also muss das Hirn dafür herhalten und es leistet gute Arbeit. In deinem Kopf explodieren 1000 Phrasen, Worte, Bilder, Gedanken, Töne und Lichter. Gleichzeitig. Du scheinst etwas an dir zu haben, was die Menschen glauben macht, du wärst ein Spielball ihrer Gefühle und wenn es ihnen danach ist, werfen sie dich gegen Wände, treten dich und lachen aus voller Kehle dabei. That’s life. Fressen oder gefressen, oder irgendsoeinscheiß.
Dein Gesicht ist schon ganz starr von den vielen salzigen Tränen, die auf deinen glühenden Wangen langsam eintrockneten. Das kann doch alles nicht wahr sein. Der so ziemlich einzige Mensch, dem du wirklich vertraust, der dich zum Lachen bringt, der einfach zu jeder Uhrzeit für dich da ist enttäuscht dich gerade so sehr, dass dir von einer Sekunde auf die andere kein Grund mehr einfällt, auf dieser Erde noch irgendwer zu sein, überhaupt zu sein. Dir wird regelrecht schlecht, wenn du daran denkst, dass jetzt vielleicht nichts mehr so sein wird, wie es war. Meine Güte, wir abgedroschen das klingt. Aber du mochtest es so, wie es war. Es hat dich glücklich gemacht. Ja wirklich, du hast gelacht, ohne irgendwas vorzuspielen und jedes seiner Worte hat dich in einen Zustand versetzt, den kein Poet, kein Philosoph, kein Musiker dieser Welt hätte beschreiben können. Und jetzt, von heut auf morgen, beschließt er, das Arschloch raushängen zu lassen. Dabei merkt er nicht, wie sehr dich das verletzt. Was um alles in der Welt hast du denn gemacht, dass dir keiner mehr glauben will?! Im Prinzip ist das jetzt eh alles egal, weil du bist egal, er ist egal, die -21°C draußen auf der Straße sind egal. Alles egal.
Mit einem leisen Schluchzen ziehst du dich zurück. Du musst jetzt nachdenken.

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